Psychosomatische Beschwerden

Viele Menschen leiden unter anhaltenden körperlichen Beschwerden, für die sich keine ausreichende medizinische Ursache finden lässt. Die Betroffenen fühlen sich häufig unverstanden, erleben eine Odyssee durch Arztpraxen und bleiben dennoch ohne klare Diagnose oder hilfreiche Behandlung. Dabei sind diese Symptome Ausdruck einer komplexen Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche: Sie können im Rahmen von Psychosomatischen Beschwerden bzw. einer sogenannten Somatisierungsstörung auftreten.

Psychosomatische Beschwerden

Viele Menschen leiden unter anhaltenden körperlichen Beschwerden, für die sich keine ausreichende medizinische Ursache finden lässt. Die Betroffenen fühlen sich häufig unverstanden, erleben eine Odyssee durch Arztpraxen und bleiben dennoch ohne klare Diagnose oder hilfreiche Behandlung. Dabei sind diese Symptome Ausdruck einer komplexen Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche: Sie können im Rahmen von Psychosomatischen Beschwerden bzw. einer sogenannten Somatisierungsstörung auftreten.

Was ist eine Somatisierungsstörung?

Eine Somatisierungsstörung (früher auch: somatoforme Störung) bezeichnet eine psychische Erkrankung, bei der körperliche Beschwerden im Vordergrund stehen, ohne dass sich dafür eine ausreichende medizinische Ursache finden lässt. Die Symptome sind nicht eingebildet, sie sind real, beeinträchtigen den Alltag und verursachen erheblichen Leidensdruck. Häufige Beschwerden betreffen verschiedene Organsysteme gleichzeitig und halten über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren an.

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Typisch sind z. B. chronische Schmerzen, Magen-Darm-Probleme, Herzrasen, Atemnot oder ständige Erschöpfung. Viele Betroffene haben bereits zahlreiche medizinische Untersuchungen hinter sich, ohne dass ein konkreter Befund gestellt werden konnte. Dabei handelt es sich keinesfalls um "hypochondrisches Verhalten", sondern um eine ernst zu nehmende psychische Störung mit körperlicher Symptomatik.

Ein klassisches Muster zeigt sich in den sogenannten Holy Seven der Psychosomatik, also jenen sieben Körpersystemen, die besonders häufig bei psychosomatischen Beschwerden betroffen sind:

  • Herz-Kreislauf-System (z. B. Herzrasen, Brustschmerz, Blutdruckprobleme)
  • Magen-Darm-Trakt (z. B. Übelkeit, Blähungen, Durchfall, Reizdarm)
  • Atmungssystem (z. B. Kurzatmigkeit, Engegefühl in der Brust)
  • Bewegungsapparat (z. B. Rückenschmerzen, Muskelverspannungen, Gelenkbeschwerden)
  • Haut (z. B. Juckreiz, Ekzeme, Rötungen)
  • Urogenitaltrakt (z. B. Schmerzen beim Wasserlassen, häufiges Wasserlassen)
  • Nervensystem/Sinnesorgane (z. B. Schwindel, Sehstörungen, Kribbeln)

Laut Studien sind 5–10 % der Allgemeinbevölkerung betroffen (Henningsen et al., 2007). Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer. Oft bestehen die Beschwerden über Jahre hinweg und beeinflussen die Lebensqualität, das Berufsleben und soziale Beziehungen erheblich.

Warum entsteht eine Somatisierungsstörung?

Die Ursachen sind komplex und beruhen auf einem Zusammenspiel aus biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen:

  • Frühe belastende Lebensereignisse oder Traumatisierungen, z. B. emotionale Vernachlässigung, körperliche oder sexuelle Gewalt
  • Chronischer Stress, z. B. durch Überforderung im Beruf, Konflikte oder Pflegebelastung
  • Ein erhöhter Fokus auf körperliche Empfindungen, oft verbunden mit der Tendenz, körperliche Signale als bedrohlich zu interpretieren
  • Eingeschränkte Emotionswahrnehmung (Alexithymie): Schwierigkeiten, Gefühle zu benennen und einzuordnen
  • Lernerfahrungen im Umgang mit Krankheit: z. B. wenn in der Herkunftsfamilie somatische Beschwerden mit Fürsorge oder Aufmerksamkeit verbunden waren

Auch genetische Faktoren und neurobiologische Besonderheiten, wie eine erhöhte Aktivität der Amygdala oder eine veränderte Schmerzverarbeitung, können eine Rolle spielen (Van den Bergh et al., 2017).

Somatisierung ist somit kein „Ausweichen vor psychischen Problemen“, sondern eine körperliche Reaktion auf anhaltende innere Belastung, die über das autonome Nervensystem und die hormonelle Stressachse vermittelt wird.

Verlauf und Begleiterkrankungen

Somatisierungsstörungen verlaufen häufig chronisch und können sich über Jahre hinweg stabilisieren oder sogar ausweiten, wenn sie unbehandelt bleiben. Viele Betroffene entwickeln im Lauf der Zeit zusätzliche Beschwerden nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Besonders häufig treten auf:

Außerdem zeigen viele Patienten und Patientinnen eine hohe Inanspruchnahme des medizinischen Versorgungssystems das sogenannte „Doctor Shopping“, bei denen wiederholt Fachärzte und Fachärztinnen aufgesucht werden, ohne dass eine Verbesserung eintritt. Dies kann zu Frustration auf beiden Seiten führen.

Der Leidensdruck ist oft erheblich, ebenso wie das Risiko der sozialen Isolation oder der Aufgabe von Arbeit, Partnerschaft oder Freizeitinteressen.

Diagnostik: Wie wird eine Somatisierungsstörung erkannt?

Die Diagnostik erfolgt zunächst durch eine ausführliche Anamnese, möglichst unter Einbeziehung sowohl medizinischer als auch psychologischer Aspekte. Eine organische Abklärung ist wichtig, um behandelbare körperliche Ursachen auszuschließen. Gleichzeitig ist es entscheidend, auf bestimmte psychologische Merkmale zu achten:

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  • die Vielzahl und Dauer der Beschwerden (mindestens 6 Monate)
  • die Beeinträchtigung im Alltag
  • die Überzeugung, körperlich krank zu sein – trotz unauffälliger Befunde
  • die starke Beschäftigung mit Symptomen und Gesundheit

Standardisierte Fragebögen wie der PHQ-15 oder das Screening für Somatoforme Störungen (SOMS) können eine erste Einschätzung erleichtern.

Laut der aktuellen S3-Leitlinie zu funktionellen körperlichen Beschwerden (AWMF, 2023) ist es wichtig, den Begriff "psychosomatisch" nicht als Ausschlussdiagnose zu verstehen, sondern als Erklärungskonzept, das biologische, psychische und soziale Faktoren integriert.

Vor der psychotherapeutischen Diagnostik sollte eine ausgiebige und umfangreiche somatische Abklärung erfolgen. Das bedeutet: Es muss geprüft werden, ob es wirklich keine körperlichen Ursachen als Erklärung für die Symptomatik gibt.

Therapie: Wie wird eine Somatisierungsstörung behandelt?

Die Behandlung erfolgt in der Regel ambulant, kann aber bei schweren Verläufen auch stationär notwendig sein. Die wirksamste Methode ist die kognitive Verhaltenstherapie (CBT), ergänzt durch achtsamkeitsbasierte Verfahren und körperorientierte Interventionen.

Zentrale Elemente sind:

  • Psychoedukation: Verstehen, wie Körper und Psyche zusammenwirken
  • Kognitive Umstrukturierung: Veränderung negativer Denk- und Bewertungsmuster
  • Verhaltensexperimente: z. B. in Belastungssituationen, um Kontrolle zurückzugewinnen
  • Exposition mit körperlichen Empfindungen: um die Angst vor Symptomen zu reduzieren
  • Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung: z. B. mit Hilfe von Progressiver Muskelentspannung (PMR), Yoga, Atemtechniken
  • Einbindung des sozialen Umfelds: bei unterstützender oder konfliktbelasteter Umgebung
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Quellen

  • Henningsen, P. et al. (2007). Management of somatoform disorders. Dtsch Ärztebl Int.
  • Kroenke, K. (2007). Efficacy of treatment for somatoform disorders. CNS Spectr.
  • Van den Bergh, O. et al. (2017). Symptoms and the body: Taking the inferential leap. Perspect Psychol Sci.
  • AWMF (2023). S3-Leitlinie: Funktionelle körperliche Beschwerden (051-000).

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Wenn Sie sich in einer seelischen Notlage befinden oder akute psychische Unterstützung benötigen, zögern Sie bitte nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wenden Sie sich bei akuten Krisen an eine der folgenden Anlaufstellen:

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