Suchterkrankungen
Sucht ist keine Frage von Willensschwäche oder Moral. Sie ist eine ernste, behandelbare Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln stark beeinflussen kann. Ob Alkohol, Medikamente, Cannabis oder Verhaltenssüchte wie exzessives Spielen oder Internetnutzung: Abhängigkeit entsteht schleichend, aber sie hat System. Und sie betrifft Menschen aller Altersgruppen, Berufe und sozialen Schichten.
Suchterkrankungen
Sucht ist keine Frage von Willensschwäche oder Moral. Sie ist eine ernste, behandelbare Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln stark beeinflussen kann. Ob Alkohol, Medikamente, Cannabis oder Verhaltenssüchte wie exzessives Spielen oder Internetnutzung: Abhängigkeit entsteht schleichend, aber sie hat System. Und sie betrifft Menschen aller Altersgruppen, Berufe und sozialen Schichten.
Was ist eine Suchterkrankung?
ZSuchterkrankungen (nach ICD-10: F10–F19) sind psychische Störungen, bei denen der Konsum eines bestimmten Stoffes oder ein bestimmtes Verhalten zur zentralen Triebfeder des Alltags wird. Das Verlangen danach („Craving“) ist stark ausgeprägt, Kontrollverluste sind typisch, ebenso wie die Vernachlässigung anderer Interessen und sozialer Beziehungen.
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Formen von Sucht
- Stoffgebundene Süchte: Alkohol, Medikamente (v. a. Benzodiazepine, Schmerzmittel), illegale Substanzen (z. B. Cannabis, Kokain, Amphetamine)
- Nicht-stoffgebundene Süchte: pathologisches Spielen, Internetsucht, Kaufsucht, Arbeitssucht
ICD-10-Kriterien für eine Abhängigkeit
Nach ICD-10 (WHO) liegt eine Abhängigkeit vor, wenn innerhalb der letzten 12 Monate für mindesten ein Monat mindestens drei der folgenden sechs Kriterien gleichzeitig erfüllt sind:
- Starker Wunsch oder Zwang, die Substanz zu konsumieren (Craving)
- Verminderte Kontrolle über Beginn, Menge oder Beendigung des Konsums
- Körperliches Entzugssyndrom bei Reduktion oder Beendigung
- Toleranzentwicklung: Es sind höhere Mengen erforderlich, um die gewünschte Wirkung zu erzielen
- Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Konsums
- Anhaltender Konsum trotz eindeutiger schädlicher Folgen
Diese Kriterien gelten für alle stoffgebundenen Abhängigkeitserkrankungen und sind auch auf viele nicht-stoffliche Abhängigkeiten übertragbar (z. B. Spielsucht).
Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) haben ca. 1,6 Millionen Menschen in Deutschland eine behandlungsbedürftige Alkoholabhängigkeit. Hinzu kommen etwa 1,9 Millionen medikamentenabhängige Personen (BZgA, 2022).
Wie entsteht eine Suchterkrankung?
Sucht hat viele Gesichter und viele Ursachen. Es ist meist ein Zusammenspiel aus biologischer Veranlagung, psychischen Belastungen, Lernerfahrungen und sozialen Faktoren. So trägt ebenfalls oft eine Kombination aus Risikofaktoren und neurobiologischen Strukturen (Suchtgedächtnis) zur Entstehung und aufrechterhaltung bei.
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Risikofaktoren für die Entstehung einer Sucht
- Genetische Faktoren: Studien zeigen, dass eine erhöhte familiäre Anfälligkeit besteht (Verhulst et al., 2015).
- Psychische Vorerkrankungen: Depressionen, Angststörungen, ADHS oder Traumafolgestörungen erhöhen das Risiko.
- Persönlichkeitsmerkmale: Impulsivität, Sensationssuche, emotionale Instabilität
- Soziale Faktoren: Einsamkeit, familiäre Konflikte, traumatisierende Erlebnisse
- Lernprozesse & Konditionierung: Wenn der Konsum kurzfristig entlastet (z. B. Alkohol gegen Ängste), wird das Verhalten verstärkt und etabliert.
Sucht dient oft als (unbewusster) Versuch, schwierige Emotionen zu regulieren – etwa Angst, Scham, Leere oder innere Anspannung. Sie kann kurzfristig funktionieren, langfristig verschärft sie jedoch die ursprünglichen Probleme.
Das Suchtgedächtnis: Warum Rückfälle so häufig sind
Ein zentrales neurobiologisches Konzept bei Suchterkrankungen ist das sogenannte Suchtgedächtnis. Dabei handelt es sich um langfristig gespeicherte Reiz-Konsum-Verknüpfungen im Belohnungssystem des Gehirns. Wiederholter Konsum führt dazu, dass bestimmte Reize (z. B. Orte, Gerüche, Stimmungen) dauerhaft mit der suchtbezogenen Wirkung assoziiert werden. Selbst nach langer Abstinenz kann das erneute Auftreten solcher Reize ein starkes Verlangen (Craving) auslösen.
Diese automatisierten Gedächtnisprozesse sind mitverantwortlich dafür, dass Rückfälle auch nach langer Zeit möglich sind. In der Therapie werden diese Mechanismen gezielt angesprochen und es werden neue Reaktionsmuster erlernt, um langfristige Rückfallprophylaxe zu ermöglichen.
Wie verläuft eine Sucht?
Der Übergang vom Genuss zur Abhängigkeit ist oft fließend. Am Anfang steht häufig ein kontrollierter Konsum in bestimmten Situationen („funktionaler Konsum“). Im Verlauf verliert die betroffene Person zunehmend die Kontrolle, es entwickelt sich ein schädlicher Gebrauch, welcher dann in einer Abhängigkeit mündet.
Ein weiterer wichtiger Aspekt im Verlauf der Suchterkrankung ist der sogenannte Point of no return: Ein Stadium, in dem der Konsum nicht mehr als bewusste Entscheidung, sondern als zwanghaftes Verhalten erfolgt. Die Fähigkeit zur Kontrolle ist massiv eingeschränkt, das Verhalten wird trotz gravierender gesundheitlicher, beruflicher oder sozialer Konsequenzen fortgeführt. In diesem Stadium tritt häufig ein Gefühl der Ohnmacht auf, das Betroffene und ihr Umfeld stark belastet.
Ohne Behandlung kann es zu schweren körperlichen, psychischen und sozialen Folgeschäden kommen. Sucht ist meist eine chronisch verlaufende Erkrankung, kann jedoch in jeder Phase unterbrochen oder gestoppt werden – je früher, desto besser.
Kann Sucht mit anderen Krankheiten zusammen auftreten?
Suchterkrankungen treten selten isoliert auf. Bei vielen Betroffenen bestehen gleichzeitig weitere psychische oder psychosomatische Störungen, sogenannte Komorbiditäten:
- Depressionen
- Angststörungen
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
- Borderline-Persönlichkeitsstörung
- Essstörungen
- ADHS
Diese Komorbiditäten müssen in der Therapie unbedingt berücksichtigt werden. Erst wenn auch die „Hintergrunderkrankungen“ verstanden und behandelt werden, kann ein stabiler Ausstieg gelingen.
Wie wird eine Suchterkrankung festgestellt?
Die Diagnostik erfolgt auf Grundlage der ICD-10/ICD-11 Kriterien und orientiert sich an medizinischen, psychologischen und sozialen Faktoren. In unserer Praxis umfasst die Diagnostik:
- Ausführliches Anamnesegespräch (Konsumverhalten, Auslöser, Wirkung, Verlauf)
- Standardisierte Fragebögen
- Erfassung psychischer Begleiterkrankungen
- Abgrenzung zu riskantem Konsum oder Missbrauch
Transparenz und Offenheit sind uns wichtig. Diagnostik geschieht bei uns in einem geschützten, nicht-wertenden Rahmen.
Vor oder parallel zur psychotherapeutischen Diagnostik sollte eine somatische Abklärung erfolgen. Das bedeutet: Es muss geprüft werden, ob körperliche Ursachen die psychischen Beschwerden verursachen oder verstärken. Bei Suchterkrankungen ist ebenfalls die Abklärung bereits entstandener körperlicher Schäden besonders wichtig. So sollten beispielsweise Schilddrüsenerkrankungen, Lebererkrankungen oder Nierenerkrankungen und Vitaminmangelzustände überprüft werden. Bitte wenden Sie sich zur medizinischen Abklärung an Ihren Hausarzt oder eine Fachärztin.
Therapie: Wie wird eine Sucht behandelt?
Die Behandlung von Suchterkrankungen erfolgt idealerweise multimodal: psychotherapeutisch, medizinisch und sozial unterstützend. In unserer Praxis liegt der Schwerpunkt auf der Verhaltenstherapie und der Bearbeitung zugrunde liegender Konflikte.
Typische Ziele der Therapie
- Konsumfreiheit (mindestens während der Therapie)
- Aufbau alternativer Bewältigungsstrategien
- Umgang mit Suchtdruck
- Stärkung der Selbstwirksamkeit
- Bearbeitung von Auslösern und zugrunde liegenden Gefühlen
- Rückfallprophylaxe
Elemente der Therapie
- Psychoedukation über Suchtmechanismen
- Motivierende Gesprächsführung (MI)
- Kognitive Verhaltenstherapie
- Achtsamkeit und Selbstregulation
- Einbezug des sozialen Umfelds (wenn gewünscht)
Wichtig: Eine Psychotherapie unter gleichzeitigen Konsum hat keine Wirkung. Daher ist auch bei zusätzlichen Begleiterkrankungen immer das erste Ziel auf eine Abstinenz hinzuarbeiten. Rückfälle sind Teil vieler Veränderungsprozesse und kein Zeichen des Scheiterns. Entscheidend ist, wie man mit ihnen umgeht: in der Therapie werden sie nicht verurteilt, sondern genutzt, um Risikosituationen zu verstehen und neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Parallel zur Einzeltherapeutischen Behandlung findet idealerweise eine Anbindung an eine Suchtberatungsstelle und einer Selbsthilfegruppe statt.
In unserer Praxis in Köln bieten wir psychotherapeutische Unterstützung bei Suchterkrankungen an – wertschätzend, nicht wertend und fundiert auf verhaltenstherapeutischer Grundlage. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit Ihnen Wege aus der Abhängigkeit zu entwickeln und neue Perspektiven zu erschließen.
Quellen
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). (2022). Suchtbericht Deutschland.
- Verhulst, B., Neale, M. C., & Kendler, K. S. (2015). The heritability of alcohol use disorders: a meta-analysis of twin and adoption studies. Psychological Medicine, 45(5), 1061–1072.
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS)
Sie brauchen akute Hilfe?
Wenn Sie sich in einer seelischen Notlage befinden oder akute psychische Unterstützung benötigen, zögern Sie bitte nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wenden Sie sich bei akuten Krisen an eine der folgenden Anlaufstellen:
- Telefonseelsorge:
Telefon:
0800-1110111 oder 0800-1110222
Website:
www.telefonseelsorge.de
- Psychiatrische Notfallaufnahme Köln:
- Rettungsdienst bei akuter Krise:
Telefon:
112
