Traumafolgestörungen
Traumatische Erfahrungen gehören zu den tiefgreifendsten Belastungen, die ein Mensch erleben kann und oft bleiben ihre Folgen lange im Verborgenen. Manche Betroffene fühlen sich entfremdet, dauerhaft angespannt oder innerlich leer. Andere leiden unter Flashbacks, Angst oder körperlichen Symptomen, für die es keine klare medizinische Ursache gibt. Wichtig zu wissen: Diese Reaktionen sind keine Schwäche, sondern Ausdruck eines Nervensystems, das überfordert wurde.
Traumafolgestörungen
Traumatische Erfahrungen gehören zu den tiefgreifendsten Belastungen, die ein Mensch erleben kann und oft bleiben ihre Folgen lange im Verborgenen. Manche Betroffene fühlen sich entfremdet, dauerhaft angespannt oder innerlich leer. Andere leiden unter Flashbacks, Angst oder körperlichen Symptomen, für die es keine klare medizinische Ursache gibt. Wichtig zu wissen: Diese Reaktionen sind keine Schwäche, sondern Ausdruck eines Nervensystems, das überfordert wurde.
Was ist ein Trauma?
Ein psychisches Trauma entsteht, wenn eine Person ein Ereignis oder eine Serie von Ereignissen erlebt, die als extrem bedrohlich, überfordernd oder lebensgefährlich empfunden werden. Typischerweise steht dabei die eigene körperliche Unversehrtheit oder das Leben oder das einer anderen beobachteten Person in Gefahr. Solche Erlebnisse durchbrechen das gewohnte Sicherheitsempfinden und können die psychische und körperliche Integrität tief erschüttern (Maercker et al., 2013).
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Traumatische Ereignisse können einmalig auftreten, etwa bei einem Verkehrsunfall, einer Vergewaltigung, einem Überfall oder einer Naturkatastrophe. Ebenso können sie über längere Zeit hinweg bestehen, etwa in Form von häuslicher Gewalt, Missbrauch oder dem Leben in Kriegsgebieten.
Darüber hinaus gibt es sogenannte Bindungstraumatisierungen. Diese entstehen oft in der frühen Kindheit durch Vernachlässigung, emotionale Missbrauch oder emotionale Gewalt der Bezugspersonen. Auch wenn hier keine akute Lebensgefahr bestand, lösen sie oft tiefe Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Verlassenheit aus und hinterlassen langanhaltende Spuren.
Wichtig zu verstehen ist: Nicht das Ereignis allein entscheidet, ob eine Traumatisierung entsteht, sondern wie die betroffene Person das Erlebte verarbeitet. Was für einen Menschen gut bewältigbar ist, kann für einen anderen zu einer massiven seelischen Erschütterung führen. Besonders verletzlich sind Kinder und Jugendliche, ihr Nervensystem befindet sich noch in der Entwicklung und ist dadurch besonders sensibel für Überforderung und Bindungsverluste (Schauer et al., 2011).
Was gibt es für Traumafolgen?
Traumafolgeerkrankungen umfassen ein breites Spektrum psychischer Störungen, die infolge schwer belastender Erlebnisse entstehen können. Die bekannteste davon ist die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), bei der Betroffene unter Flashbacks, Vermeidung und dauerhafter innerer Anspannung leiden. Bei besonders lang andauernden oder wiederholten Traumatisierungen – etwa in Kindheit oder in Gewaltbeziehungen – kann sich eine komplexe PTBS entwickeln. Diese äußert sich durch eine tiefgreifende Störung der Emotionsregulation, des Selbstbildes und zwischenmenschlicher Beziehungen.
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Wichtig zu verstehen ist jedoch es gibt nicht die eine Traumafolgestörung. Auch Depressionen oder Angsterkrankungen sind eine häufige folge traumatischer Ereignisse.
Die häufigsten Traumafolgeerkrankungen sind:
- Anpassungsstörungen: Reaktionen auf akute Lebenskrisen, meist jedoch weniger stark als bei einer PTBS
- Akute Belastungsreaktionen: meiste direkte Reaktion auf Traumatisches Ereignis, klingt oft noch Stunden bis Tagen ab. Hält maximal einen Monat an.
- Posttraumatische Belastungsstörung
- Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung
- Dissoziative Störungen: z. B. Depersonalisation, Derealisation, Identitätsstörungen
- Somatoforme Störungen
- Angst- und Panikstörungen
- Depressionen
- Persönlichkeitsstörungen (wie die Borderline-Persönlichkeitsstörung oder die Persönlichkeitsveränderungen nach Extrembelastung)
Diese Störungen treten häufig nicht isoliert auf, sondern in Kombination, was eine sorgfältige Diagnostik und individuelle therapeutische Planung besonders wichtig macht (Foa et al., 2009)
PTBS vs kompl. PTBS
Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine spezifische Traumafolgestörung, die nach dem Erleben einer extrem belastenden Situation auftreten kann. Die Reaktionen treten meist innerhalb der ersten sechs Monate nach dem Belastenden Ereignis auf und müssen mindestens 4 Wochen anhalten. Treten die Symptome später auf sprich man von einer PTBS mit verzögertem Beginn. Typische Symptome einer PTBS sind:
- Wiedererleben der Situation: Flashbacks, intrusive Erinnerungen, Albträume
- Vermeidungsverhalten: bestimmte Orte, Menschen oder Aktivitäten werden gemieden, die an das Trauma erinnern
- Übererregung: erhöhte Wachsamkeit, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme und hohe Anspannung.
- Emotionale Taubheit: Gefühl von innerer Leere, Abspaltung von Gefühlen oder vom eigenen Körper (Dissoziation)
- Körperliche Beschwerden: Schmerzen, Herzrasen, Magen-Darm-Beschwerden ohne organischen Befund
Nicht selten entwickeln sich aus einer unbehandelten PTBS zusätzlich langfristige psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder somatoforme Störungen (Ehlers et al., 2010). Auch soziale Isolation, Arbeitsunfähigkeit oder Schwierigkeiten in Beziehungen sind häufige Folgen.
Die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS) tritt vor allem nach langanhaltenden, wiederholten oder besonders schweren Traumatisierungen auf, etwa bei chronischem Missbrauch, Gewalt in engen Beziehungen oder Vernachlässigung in der Kindheit. Diese Erkrankung wird erstmalig im bald erscheinenden ICD-11 (WHO) aufgenommen. Neben den typischen Symptomen einer PTBS können Betroffene zusätzlich unter den folgenden Symptomen leiden:
- Veränderung der Regulation von Affekten und Impulsen: Häufige Gefühlsausbrüche, Wutausbrüche, plötzliche emotionale Leere, selbstverletzendes Verhalten oder selbstschädigender Konsum (z. B. Substanzen).
- Veränderung in Aufmerksamkeit und Bewusstsein: Dissoziative Zustände, wie das Gefühl, "neben sich zu stehen", Gedächtnislücken, Konzentrationsstörungen oder das Gefühl, die Umwelt sei unwirklich.
- Veränderung der Selbstwahrnehmung: Anhaltende Gefühle von Scham, Schuld, Minderwertigkeit, das Gefühl, „falsch“ oder „defekt“ zu sein.
- Veränderung in Beziehungen zu anderen: Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen, starkes Misstrauen, wiederholte Beziehungskonflikte oder soziale Isolation.
- Somatisierungen: Häufige körperliche Beschwerden ohne organisch erklärbare Ursachen – z. B. Kopf- oder Rückenschmerzen, Magenprobleme, chronische Erschöpfung.
- Veränderte Lebenseinstellungen: Anhaltender Pessimismus, Hoffnungslosigkeit, Sinnverlust oder das Gefühl, dauerhaft in Gefahr zu sein.
Diese Form der Traumafolgestörung beeinflusst oft alle Lebensbereiche und erfordert eine speziell darauf abgestimmte, längerfristige therapeutische Begleitung.
Warum bekommt man eine Traumafolgestörung?
Ob und wie stark eine Person eine Traumafolgestörung entwickelt, hängt von mehreren Faktoren ab:
- Art und Schwere des Traumas: Je plötzlicher, intensiver und unvorhersehbarer ein Ereignis ist, desto größer das Risiko.
- Dauer und Wiederholung: Chronische Traumatisierungen, etwa in Kindheit oder Partnerschaften, wirken oft besonders tiefgreifend.
- Alter und Entwicklungsstand: Frühe Traumatisierungen haben meist schwerwiegendere Folgen.
- Soziale Unterstützung: Menschen mit stabilen Bindungen und empathischem Umfeld haben meist bessere Heilungschancen.
- Persönliche Resilienzfaktoren: psychische Stabilität, Copingstrategien, frühere Lebenserfahrungen
Besonders belastend sind Erfahrungen, die mit Gefühlen von absoluter Ohnmacht, Ausgeliefertsein oder tiefer Scham einhergehen – vor allem, wenn sie wiederholt oder durch nahe Bezugspersonen verursacht werden (Herman, 1992).
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Das sogenannte Traumagedächtnis
Ein zentrales Konzept in der Psychotraumatologie ist das sogenannte Traumagedächtnis. Es beschreibt die Art und Weise, wie traumatische Erinnerungen im Gehirn gespeichert werden: oft fragmentiert, emotionsgeladen und wenig geordnet. Im Gegensatz zu normalen Erinnerungen, die sprachlich und zeitlich gut einzuordnen sind, können traumatische Inhalte unwillkürlich und bildhaft „hochkommen“, etwa in Form von Flashbacks oder Albträumen. Diese Erinnerungen sind nicht bewusst abrufbar, sondern werden durch Auslöser (Trigger) aktiviert, die in irgendeiner Weise an das ursprüngliche Geschehen erinnern.
Das Traumagedächtnis ist eng mit dem emotionalen Teil des Gehirns verbunden (z. B. der Amygdala) und weniger mit kognitiv-verarbeitenden Strukturen wie dem Hippocampus. Dadurch können sich Betroffene auch lange nach dem Ereignis wie "in der Situation von damals" fühlen, obwohl sie rational wissen, dass sie in Sicherheit sind. Ziel der Traumatherapie ist unter anderem, diese Erinnerungen zu verarbeiten, zu integrieren und ihnen ihren überwältigenden Charakter zu nehmen.
Wie verläuft eine Traumafolgestörung?
Der Verlauf einer Traumatisierung ist individuell sehr unterschiedlich. Einige Betroffene entwickeln innerhalb von Stunden, Tagen oder Wochen nach dem Ereignis Symptome, die sich im Rahmen einer akuten Belastungsreaktion innerhlab des ersten Monats wieder zurückbilden. Andere entwickeln eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), deren Symptome länger als vier Wochen anhalten und die Lebensqualität erheblich einschränken (WHO, 2022).
Wird das Trauma nicht angemessen verarbeitet, können sich über Monate oder Jahre komplexe Störungen entwickeln, sogenannte komplexe Traumafolgestörungen, wie die komplexe PTBS. Diese geht oft mit einer tiefgreifenden Veränderung des Selbstbildes, gestörter Affektregulation und Beziehungsproblemen einher.
Begleiterkrankungen
Traumafolgestörungen treten häufig gemeinsam mit anderen psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen auf. Dazu gehören:
- Depressionen
- Angststörungen
- Dissoziative Störungen (z. B. Derealisation, Depersonalisation)
- Suchterkrankungen
- Essstörungen
- Chronische Schmerz– und Erschöpfungszustände (z. B. Fibromyalgie, Fatigue)
Eine gute Diagnostik ist wichtig, um zwischen Primärerkrankung und Traumafolgestörung zu unterscheiden und die Therapie entsprechend auszurichten.
Diagnostik: Wie wird ein Trauma erkannt?
Die Diagnose einer Traumafolgestörung erfordert viel Fachwissen, Empathie und eine sensible Vorgehensweise. In unserer Praxis erfolgt die diagnostische Einschätzung auf Basis evidenzbasierter Verfahren und Gespräche:
- Anamnese: Erhebung der aktuellen Beschwerden, Lebensgeschichte und möglicher Auslöser
- Standardisierte Fragebögen
- Differenzialdiagnostik: Abgrenzung zu anderen psychischen Erkrankungen
Wichtig ist uns dabei, dass die Diagnostik kein Wiedererleben auslöst. Ziel ist eine klare, strukturierte Einordnung, die Entlastung schafft und den Weg für eine passende Behandlung öffnet.
Vor oder parallel zur psychotherapeutischen Diagnostik sollte eine somatische Abklärung erfolgen. Das bedeutet: Es muss geprüft werden, ob körperliche Ursachen die psychischen Beschwerden verursachen oder verstärken. Bei Traumafolgestörungen sollten unter anderem Schilddrüsenüberfunktionen, Epilepsie oder zerebrale Durchblutungsstörungen ausgeschlossen werden. Bitte wenden Sie sich zur medizinischen Abklärung an Ihren Hausarzt oder eine Fachärztin.
Wie wird ein Trauma behandelt?
Die Behandlung von Traumafolgestörungen orientiert sich an den aktuellen S3-Leitlinien und folgt meist einem phasenorientierten Ansatz (AWMF, 2023):
- Stabilisierungsphase: Schaffung von innerer und äußerer Sicherheit, Aufbau von Alltagsstrukturen, Arbeit mit Ressourcen, Einführung von Techniken zur Selbstregulation (z. B. Atemtechniken, Imaginationen, Skills)
- Traumabearbeitung: behutsame Konfrontation mit traumatischen Erinnerungen, z. B. durch EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), IRRT (Imagery Rescripting & Reprocessing Therapy) oder narrative Expositionstherapie
- Integration: Einordnung des Erlebten in die Lebensgeschichte, Stärkung der Selbstwirksamkeit, Aufbau eines positiven Selbstbildes und sozialer Beziehungen
Bei schwerer Symptomausprägung kann es zusätzlich nötig sein einen Stationären Aufenthalt in Betracht zu ziehen. In unserer Praxis kombinieren wir verhaltenstherapeutische Verfahren mit traumaspezifischen Methoden. Dabei arbeiten wir in Ihrem Tempo, transparent, wertschätzend und professionell.
Quellen
- AWMF (2023). S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung.
- Ehlers, A. et al. (2010). Die Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung. Springer.
- Foa, E. B. et al. (2009). Effective Treatments for PTSD.
- Herman, J. L. (1992). Trauma and Recovery.
- Maercker, A., et al. (2013). Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-11: Vorschlag zur komplexen PTBS.
- Schauer, M., Neuner, F., & Elbert, T. (2011). Narrative Expositionstherapie.
- Shapiro, F. (2018). Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) Therapy.
- WHO (2022). ICD-11: Post-traumatic stress disorder.
Sie brauchen akute Hilfe?
Wenn Sie sich in einer seelischen Notlage befinden oder akute psychische Unterstützung benötigen, zögern Sie bitte nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wenden Sie sich bei akuten Krisen an eine der folgenden Anlaufstellen:
- Telefonseelsorge:
Telefon:
0800-1110111 oder 0800-1110222
Website:
www.telefonseelsorge.de
- Psychiatrische Notfallaufnahme Köln:
- Rettungsdienst bei akuter Krise:
Telefon:
112
