Zwangsstörungen
Viele Menschen erleben Gedanken oder Impulse, die sich aufdrängen und schwer zu kontrollieren sind etwa die Angst, etwas zu vergessen, sich zu beschmutzen oder anderen Schaden zuzufügen. Wenn solche Gedanken oder Rituale überhandnehmen und den Alltag spürbar belasten, kann eine Zwangsstörung vorliegen.
Zwangsstörungen
Viele Menschen erleben Gedanken oder Impulse, die sich aufdrängen und schwer zu kontrollieren sind etwa die Angst, etwas zu vergessen, sich zu beschmutzen oder anderen Schaden zuzufügen. Wenn solche Gedanken oder Rituale überhandnehmen und den Alltag spürbar belasten, kann eine Zwangsstörung vorliegen.
Was ist eine Zwangsstörung?
Zwangsstörungen (obsessive-compulsive disorder, OCD) zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Typisch sind wiederkehrende, belastende Gedanken (Zwangsgedanken) und/oder Handlungen (Zwangshandlungen), die als übertrieben oder unsinnig erlebt werden, sich jedoch nicht einfach unterdrücken lassen.
Man unterscheidet:
- Zwangsgedanken: ungewollte Vorstellungen, Bilder oder Impulse, z. B. Angst vor Keimen, Zweifel, aggressive oder sexuelle Inhalte
- Zwangshandlungen: wiederholte Verhaltensweisen oder mentale Rituale, z. B. Händewaschen, Kontrollieren, Zählen, Berühren
Die Zwänge dienen meist dazu, kurzfristig Angst oder Unruhe zu reduzieren. Langfristig verstärken sie jedoch das Problem, da sie die dahinterliegenden Themen nicht bearbeiten.
Zwangsstörungen beginnen häufig im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter. Etwa 2–3 % der Bevölkerung sind betroffen (Wittchen et al., 2011). Ohne Behandlung neigen sie zur Chronifizierung.
Symptome: Wie zeigt sich eine Zwangsstörung?
Die Ausprägungen sind vielfältig. Typische Zwangssymptome sind:
- Waschzwang: z. B. aus Angst vor Krankheit oder Kontamination
- Kontrollzwang: z. B. wiederholtes Prüfen von Herd, Türen, Wasserhahn
- Ordnungs- und Symmetriezwang: alles muss „richtig“ oder „ausgeglichen“ sein
- Wiederholzwang: Handlungen oder Gedanken müssen eine bestimmte Anzahl wiederholt werden
- Zähl- oder Berührzwänge: bestimmte Rituale müssen befolgt werden, um „Unheil“ abzuwenden
- Gedankenzwänge: aufdringliche Ideen, Zweifel oder verbotene Impulse (z. B. aggressiv, sexuell oder religiös)
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Viele Betroffene erleben einen hohen inneren Druck, die Zwänge auszuführen, obwohl sie wissen, dass die Gedanken oder Handlungen übertrieben oder irrational erscheinen. Die Erfüllung der Zwänge bringt kurzfristige Erleichterung, langfristig jedoch häufig Schuldgefühle, Frustration und Angst vor Kontrollverlust.
Zwangsstörungen verlaufen häufig in Schüben. In Phasen höherer Belastung nehmen die Symptome oft zu. Die Scham über das eigene Verhalten kann zusätzlich zu Rückzug und sozialer Isolation führen.
ICD-10-Kriterien für Zwangsstörungen (F42)
Nach der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10, Kapitel V) müssen für die Diagnose einer Zwangsstörung folgende Kriterien erfüllt sein:
- Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen bestehen über mindestens zwei Wochen an den meisten Tagen.
- Die Gedanken oder Handlungen werden als eigene erkannt, auch wenn sie als unangenehm und übertrieben erlebt werden (Ich-Dystonie).
- Die Zwänge werden als unangenehm erlebt und führen zu Leiden oder Beeinträchtigung im Alltag.
- Die Betroffenen versuchen (zumindest anfangs), Widerstand zu leisten – gegen Gedanken oder Handlungen.
- Die Zwänge wiederholen sich in belastender Weise.
Die Symptome dürfen nicht Folge einer anderen psychischen Erkrankung oder Substanzwirkung sein (z. B. Schizophrenie, Depression, Drogenkonsum).
Warum bekommt man eine Zwangsstörung?
Zwangsstörungen entstehen meist aus einem Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren:
- Genetische Veranlagung: Zwangsstörungen treten familiär gehäuft auf
- Neurobiologie: Hinweise auf eine veränderte Aktivität im orbitofrontalen Kortex und im serotonergen System (Stein et al., 2019)
- Lerntheoretische Erklärungen: neutrale Reize werden mit Angst verknüpft und durch Zwangshandlungen „neutralisiert“
- Stress oder belastende Lebensereignisse: häufig Auslöser für die Erstmanifestation
- Persönlichkeitsfaktoren: z. B. überhöhtes Verantwortungsgefühl, hoher Perfektionismus, Unsicherheitsintoleranz
Auch frühe Bindungserfahrungen, unsichere oder ambivalente Beziehungsmuster in der Kindheit sowie übermäßige Kritik durch Bezugspersonen können die Entwicklung einer Zwangsstörung begünstigen. Traumatische Erfahrungen, etwa Kontrollverluste, Kontrollübernahmen durch andere oder der plötzliche Verlust von Sicherheit, werden in Einzelfällen ebenfalls als auslösende Faktoren beschrieben.
Verlauf und Begleiterkrankungen einer Zwangsstörung
Unbehandelt verlaufen Zwangsstörungen meist chronisch. Sie können phasenweise besser oder schlechter werden, verschwinden aber selten von allein. Häufige Folgen sind:
- sozialer Rückzug
- Partnerschafts- und Familienkonflikte
- Leistungsabfall in Schule, Ausbildung oder Beruf
- depressive Episoden oder Angststörungen
- emotionale Erschöpfung, Schlaflosigkeit oder körperliche Beschwerden
Rund 70 % der Betroffenen entwickeln im Verlauf mindestens eine komorbide psychische Erkrankung (Torres et al., 2006). Besonders häufig treten Depressionen, generalisierte Angststörungen, Panikstörungen und somatoforme Störungen auf. Auch Substanzmissbrauch als Form der Selbstmedikation ist nicht selten.
Je früher eine Zwangsstörung erkannt und behandelt wird, desto besser ist in der Regel die Prognose. Besonders bei Kindern und Jugendlichen kann eine frühe Intervention dazu beitragen, eine Chronifizierung zu vermeiden.
Diagnostik: Wie wird eine Zwangsstörung erkannt?
Die Diagnosestellung erfolgt durch klinische Gespräche, psychologische Tests (z. B. Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale – Y-BOCS) und strukturierte Interviews. Zentral ist dabei die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen:
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- Generalisierte Angststörung: häufige Sorgen, aber keine ritualisierten Zwänge
- Zwanghafte Persönlichkeitsstörung: rigide Denk- und Verhaltensmuster, aber kein Leidensdruck durch Zwangsgedanken
- Autismus-Spektrum-Störung: stereotype Verhaltensweisen, aber andere Motivation
- Tic-Störungen: unwillkürliche Bewegungen oder Laute ohne zugrundeliegende Zwangsgedanken
Ein Kriterium zur Diagnosestellung ist der Zeitaufwand: Zwangshandlungen oder -gedanken beanspruchen oft mehr als eine Stunde pro Tag und beeinträchtigen soziale, berufliche oder private Lebensbereiche.
Vor oder parallel zur psychotherapeutischen Diagnostik sollte eine somatische Abklärung erfolgen. Das bedeutet: Es muss geprüft werden, ob körperliche Ursachen die psychischen Beschwerden verursachen oder verstärken. Bei Zwangsstörungen sollten unter anderem Schilddrüsenüberfunktionen, Schilddrüsenunterfunktion oder Epilepsie ausgeschlossen werden. Bitte wenden Sie sich zur medizinischen Abklärung an Ihren Hausarzt oder eine Fachärztin.
Therapie: Wie wird eine Zwangsstörung behandelt?
Die kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsverhinderung (ERP) gilt als wissenschaftlich fundierteste Methode zur Behandlung von Zwangsstörungen. Ziel ist es, sich gezielt angstauslösenden Reizen auszusetzen und die gewohnte Reaktion, also die Zwangshandlung, zu unterlassen.Zentrale Bestandteile sind:
- Psychoedukation: Verstehen, wie Zwänge entstehen und aufrechterhalten werden
- Exposition: bewusste Konfrontation mit Auslösern
- Reaktionsverhinderung: das Durchbrechen des gewohnten Rituals
- Kognitive Techniken: Identifikation und Veränderung von irrationalen Überzeugungen
- Achtsamkeit und Akzeptanzstrategien: z. B. im Umgang mit innerer Anspannung
Quellen
- Stein, D.J., Costa, D.L.C. et al. (2019). Obsessive-compulsive disorder. Nat Rev Dis Primers.
- Wittchen, H. U., et al. (2011). Die Häufigkeit psychischer Erkrankungen in Deutschland. Dtsch Ärztebl.
- Torres, A. R., et al. (2006). Prevalence and comorbidity of obsessive-compulsive disorder. J Clin Psychiatry.
- AWMF (2023). S3-Leitlinie Zwangsstörungen (051-028).
Sie brauchen akute Hilfe?
Wenn Sie sich in einer seelischen Notlage befinden oder akute psychische Unterstützung benötigen, zögern Sie bitte nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wenden Sie sich bei akuten Krisen an eine der folgenden Anlaufstellen:
- Telefonseelsorge:
Telefon:
0800-1110111 oder 0800-1110222
Website:
www.telefonseelsorge.de
- Psychiatrische Notfallaufnahme Köln:
- Rettungsdienst bei akuter Krise:
Telefon:
112
